| Felix Draeseke |
| The String Quartets Vol. I und II, Suite für zwei Violinen op. 86 |
| Hölderlin-Quartett, AK/Coburg DR 0011 und 0012 (2007) |
DIE TONKUNST, Oktober 2008, Nr. 4, Jg. 2 (2008) |
Es ist schon interessant, wie und mit welchen Absichten die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts
analysiert wird. Die Nachwirkungen des Parteienstreits scheinen bis heute nicht ganz beseitigt
und Forschung noch immer von Positionierungen bestimmt zu sein. Das mag zumindest in der
deutschen Musikwissenschaft auch ein Abwehrreflex sein, denn die Forschungsschwerpunkte sind
nicht gleichgewichtig ausgestattet. Während z. B. die Brahmsforschung auch den Brahmskreis
und die sogenannten Konservativen immer mehr in ihre Untersuchungsgegenstände mit
aufnimmt und damit gleichzeitig etabliert, verbleibt eine systematische Forschungsinitiative zur
vorerst noch so betitelten Neudeutschen Schule weiterhin in der Warteschleife. Dieses Missverhältnis
führt zu Eifersüchteleien, verlängert eigentlich bereits historisierte Fronten
in die Gegenwart und macht es schwer, übergreifende Sichtweisen zu etablieren. In dieser, hier
vielleicht überzeichneten Situation ist es die Musikindustrie, die Vergleichsmöglichkeiten wieder herstellt
und mithilft, Rasterungen der Vergangenheit zu überdenken. Je mehr Musik aus beiden Lagern
veröffentlicht wird, desto mehr verflüssigen sich die Gegensätze. Neue Produktionen aus dem Hause
AK/Coburg machen dies ein weiteres Mal deutlich, denn das Label des Gründers der International
Draeseke Society/ North America Alan Krueck hat gerade, verteilt auf zwei CDs, die komplette Reihe
der Streichquartette Felix Draesekes vorgelegt.
Nun ist die Gattung des Streichquartetts so ziemlich das letzte, was man mit den Grundfesten
der Neudeutschen Schule verbindet, obwohl Franz Liszt bereits 1858 auf die Wichtigkeit der Kammermusik
- wenn auch mehr nebenbei - verwiesen hat. Grundsätzlich widerspricht sie dem Anspruch
einer erweiterten Publikumswirksamkeit schon in drei Belangen: Erstens
Kammer die Anzahl der Hörer, zweitens fallen überwältigende Klangmassen mangels größerer
Instrumentationsmöglichkeiten weg, und schließlich läuft der Habitus des Streichquartetts
als höchste und komplizierteste Ausprägung der Instrumentalmusik den durchaus auch popularisierenden
Ambitionen der Neudeutschen entgegen. Zudem handelt es sich bei Draesekes Gattungsbeiträgen in
keiner Weise um programmatisch vermittelte Musik. Das wirft die Frage auf, wie die Werke überhaupt
in den Wirkungszusammenhang der Weimarer Ideen gestellt werden könnten.
Die gängige Antwort darauf würde eigentlich der Klang selbst liefern. Kaum jemand käme auf den
Gedanken, die gegenseitige Abhängigkeit der Harmonik Wagners, Liszts, Wolfs oder Richard Strauss'
in Frage zu stellen, und auch Felix Draeseke hat sich mit seiner Klaviersonate op. 6 (1862-1867) in
genau diese Traditionslinie eingeschrieben.
Doch zwischen der Komposition der Klaviersonate und des ersten Streichquartetts (1880) liegen 13 Jahre, eine Zeit,
die Draesekes Klang nachhaltig veränderte.
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Ob man diesen nun als »neuklassisch«, wie der Kommentar der CDs
mit Bezug auf den Komponisten selbst nahe legt, konnotiert, oder einfach als Entwicklung weg von
eingeschliffenen Verfahrensweisen wie der massenhaften Verwendung von symmetrischen Klängen (verminderte und
übermäßige Akkorde) begreift: In seiner tonartlich weit ausgreifenden Dreiklangsharmonik steht
der Draeseke der 1880er und -90er Jahre Brahms näher als Liszts alterierten Akkordkonstruktionen.
Man mag das als musikalische Manifestation eines auch literarisch greifbaren Wandels von den Werbeartikeln
in den Brendelschen »Anregungen für Kunst, Leben und Wissenschaft« (eine Essayreihe
1857-59 pro Liszt) zur »Konfusion in der Musik« (ein »Mahnruf« von 1906, implizit contra Richard
Strauss) auffassen. Jedenfalls ist die Bewegung weg von einer sich selbst als solche stilisierenden
harmonischen Avantgarde mit Händen zu greifen. Damit korrespondiert auch die traditionelle formale
Konzeption der Werke mit vier Sätzen - allein das dritte Quartett sprengt diesen Rahmen - und
hörbar kontrastierenden thematischen Einheiten. Wollte man aus dem reichhaltigen Angebot der drei
Opera einzelne Sätze, die spontan sympathisch erscheinen, herausgreifen, so kämen der Kopfsatz
des Gattungserstlings in Frage, zudem derjenige von Nr. 2 sowie dessen Adagio. Das spätere dritte
Quartett (1895) gibt sich hingegen zugeknöpfter und bedarf intensiverer Inspektion.
Den Anforderungen und - man darf wohl sagen - Schönheiten der Kompositionen werden die
Musiker des Hölderlin-Quartetts vollauf gerecht. Eine Besonderheit aller drei Werke, die mitunter
auffallend hohen Lagen, meistern sie durchweg makellos. Sie kultivieren dabei keinen überzogen
volltönenden Klang, sondern eine der Gattung angemessene Zurückhaltung, die dennoch nie in
Unterkühltheit umschlägt. Indes wünschte man sich hier und da durchaus einen treibenderen Puls.
Dennoch - auf dies seit drei Jahren zusammenspielende Ensemble, dessen Diskographie mit den
beiden vorliegenden CDs gerade erst anhebt, wird man in Zukunft zu achten haben.
Die anfangs aufgeworfene Frage nach dem musikgeschichtlichen Ort von Felix Draeseke und
seinen Quartetten lässt sich wohl am besten mit Anton Webern fassen: »Was in den 1880er Jahren
eine unüberbrückbare Kluft schien, war 1897 kein Problem mehr. Die größten Musiker jener Zeit,
Mahler, Strauss, Reger, und viele andere, waren unter dem Einfluß beider Musiker [Wagner und
Brahms] groß geworden. Sie alle spiegelten die geistigen, emotionalen, stilistischen und technischen
Errungenschaften der vorausgehenden Periode wider. Was damals ein Streitobjekt gewesen war,
war zum Unterschied zwischen zwei Persönlichkeiten, zwei Ausdrucksstilen geschrumpft, nicht
gegensätzlich genug, die Einbeziehung von Eigenschaften beider in ein Werk zu verhindern.« (Anton
Webern, »Schönbergs Musik«, in: ders. [Hg.], Arnold Schönberg, München 1912, S. 31). Damit steht
Draeseke mit am Beginn einer Entwicklung, die den Parteienstreit des 19. Jahrhunderts bereits als
historisch verarbeitet begreift. Hier hätte auch die Wissenschaft anzusetzen. [Markus Gärtner]
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